Die Ostdeutsche Ordensprovinz der Jesuiten
Ordensgeschichte gilt leicht als Angelegenheit weniger Fachleute. Doch am Beispiel der Ostdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu lässt sich zeigen, wie eng die Geschichte einer geistlichen Gemeinschaft mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eines Landes verflochten ist. Die von Alfred Rothe erarbeitete Darstellung reicht von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und dokumentiert eine Epoche voller Brüche.
Warum eine frühe Geschichtsschreibung
Rothe selbst räumt ein, dass es verfrüht erscheinen mag, bereits eine Geschichte dieser Provinz zu schreiben, wenn deren eigenständiges Bestehen erst wenige Jahrzehnte umfasst. Sein Gegenargument liegt in der Dichte des Erlebten. Gerade weil sich in kurzer Zeit so viel ereignete, drohte das Wissen darüber verloren zu gehen, wenn niemand es sammelte, solange Zeugen und Quellen noch verfügbar waren. Die Aufzeichnung wird damit selbst zu einem Akt der Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und ihrer Erinnerung.
Eine solche Chronik will weniger deuten als bewahren. Sie ordnet Ereignisse, benennt Personen und macht Zusammenhänge sichtbar, die im nachträglichen Rückblick sonst verschwimmen würden. Der Verzicht auf vorschnelle Urteile ist dabei kein Mangel, sondern Ausdruck des Respekts vor der Komplexität des Geschehens.
Ein Orden zwischen den Zeiten
Die Gesellschaft Jesu hat in der deutschen Geschichte eine wechselvolle Rolle gespielt. Der Orden wurde geschätzt und angefeindet, verboten und wiederhergestellt. Im deutschsprachigen Raum traf ihn im 19. Jahrhundert das Verbot des sogenannten Kulturkampfs, das die Jesuiten aus dem Reich verdrängte. Die Neuordnung der Provinzen im 20. Jahrhundert, aus der die Ostdeutsche Provinz hervorging, fällt in eine Zeit, in der die Kirche nach ihrem Ort in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft suchte.
Die Provinz umfasste Ordensangehörige, die in Seelsorge, Bildung und Wissenschaft tätig waren. Ihre Arbeit vollzog sich in einem Umfeld, das von den politischen Umbrüchen der ersten Jahrhunderthälfte gezeichnet war. Weltkrieg, Weimarer Republik und schließlich die nationalsozialistische Herrschaft bildeten den Rahmen, in dem sich das Ordensleben behaupten musste.
Bewährung unter dem NS-Regime
Die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur stellten die Gemeinschaft vor besondere Prüfungen. Der Orden geriet unter Druck, seine Häuser wurden beschlagnahmt, einzelne Mitglieder verfolgt. Die Geschichtsschreibung Rothes bewahrt die Erinnerung an jene, die in dieser Zeit ihre Aufgaben unter erschwerten Bedingungen erfüllten, und an die Verluste, die die Provinz erlitt. Solche Abschnitte sind mehr als Ereignisgeschichte. Sie zeigen, was es bedeutet, eine geistliche Existenz gegen den Widerstand eines feindlichen Staates aufrechtzuerhalten.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert eine Zäsur, die zugleich das Ende dieses ersten Teils der Darstellung bildet. Was danach kam, die Teilung Deutschlands und die erneute Herausforderung durch ein weltanschaulich geprägtes Regime im Osten, gehört einem weiteren Abschnitt an.
Der Wert der Überlieferung
Eine Provinzgeschichte dieser Art richtet sich zunächst an die eigene Gemeinschaft. Doch ihr Nutzen reicht weiter. Sie liefert Material für das Verständnis der deutschen Kirchengeschichte und für die Frage, wie religiöse Institutionen politische Umbrüche überstehen. Die nüchterne Sammlung von Fakten, Namen und Daten ist die Grundlage, auf der spätere Deutungen aufbauen können.
So erweist sich das scheinbar spezielle Unternehmen als Beitrag zu einem größeren Zusammenhang. Wer die Geschichte einer Ordensprovinz aufschreibt, hält fest, wie Menschen in konkreten Verhältnissen ihren Überzeugungen treu zu bleiben versuchten. Darin liegt ein Wert, der über den Kreis der Betroffenen hinausweist.
